Demokratie

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Demokratie

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De|mo|kra|tie [demokra'ti:], die; -, Demokratien [demokra'ti:ən]:
Staatsform, in der in freien Wahlen die Volksvertreter[innen] (Abgeordnete) fĂŒr das Parlament gewĂ€hlt werden, die die unterschiedlichen Interessen von Parteien durchzusetzen versuchen:
die Demokratie stÀrken, verteidigen.
Zus.: Basisdemokratie, Volksdemokratie.

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De|mo|kra|tie 〈f. 19âŒȘ Staatsform, bei der ein Staat nach dem Willen des Volkes parlamentarisch regiert wird; Sy Volksherrschaft [<grch. demos „Volk“ + kratein „herrschen“]

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De|mo|kra|tie , die; -, -n [frz. dĂ©mocratie < (m)lat. democratia < griech. dēmokrati̓a = Volksherrschaft, aus: dẽmos = Volk; Gebiet, eigtl. = Abteilung (zu: dai̓esthai = [ver]teilen) u. krĂĄtos »Kraft, Macht« (zu: krateÄ©n = herrschen)]:
1. <o. Pl.>
a) politisches Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der MachtausĂŒbung im Staat teilhat:
zu den Prinzipien der D. gehört die freie MeinungsĂ€ußerung;
b) Regierungssystem, in dem die vom Volk gewĂ€hlten Vertreter die Herrschaft ausĂŒben:
eine parlamentarische D.
2. Staat mit demokratischer Verfassung, demokratisch regiertes Staatswesen:
in einer D. leben.
3. <o. Pl.> Prinzip der freien u. gleichberechtigten Willensbildung u. Mitbestimmung in gesellschaftlichen Gruppen:
innerparteiliche D.;
D. am Arbeitsplatz.

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Demokratie
 
[griechisch »Herrschaft des Volkes«] die, -/...'ti |en, die Staatsform, die in der klassischen Staatsformenlehre besonders der Antike als Alternative zur Monarchie und zur Aristokratie gesehen wurde, heute jedoch v. a. als Gegensatz zur Diktatur begriffen wird. Im Unterschied zum Demokratiebegriff der griechischen Antike, der zum »Demos« (Volk) nur eine Minderheit der Einwohner (ohne z. B. Frauen und Sklaven) zĂ€hlte, sind in der neuzeitlichen Demokratie alle erwachsenen StaatsbĂŒrger teilhabeberechtigt. »Herrschaft des Volkes« heißt nun: direkt oder reprĂ€sentativ aus dem Volk hervorgehende Herrrschaft in seinem eigenen Interesse (beziehungsweise dem seiner Mehrheit). Das ist die - um die ReprĂ€sentativverfassung erweiterte - Kurzformel, die A. Lincoln, 1861-65 PrĂ€sident der USA, prĂ€gte: »government of the people, by the people and for the people - »Regierung des Volkes, durch das Volk und fĂŒr das Volk«.
 
Die Elemente der Demokratie sind vielfĂ€ltig. Zu ihnen gehören nach dem - v. a. im westeuropĂ€ischen und nordamerikanischen StaatsverstĂ€ndnis verankerten - Konzept der verfassungsstaatlichen Demokratie die folgenden Bauprinzipien: In der Demokratie ist das Volk Inhaber der Staatsgewalt (VolkssouverĂ€nitĂ€t). Die Regierung wird nach dem Prinzip der freien, geheimen, allgemeinen und periodisch wiederkehrenden Wahl - direkt oder indirekt - vom Volk fĂŒr eine bestimmte Zeitdauer gewĂ€hlt (Volkswahl). Die gewĂ€hlte Regierung wird bei der AusĂŒbung der ihr anvertrauten Macht durch das Volk oder durch von ihm befugte Organe kontrolliert. Das Staatshandeln muss Verfassung und Gesetz respektieren. Von ihm wird zudem verlangt, dass es unter Berufung auf das Interesse des Volkes erfolgt beziehungsweise unter Berufung auf das Interesse der Mehrheit, bei Achtung von Minderheitsrechten. Der Staat hat ferner die Grundrechte des BĂŒrgers zu gewĂ€hrleisten, zu achten und zu schĂŒtzen (Menschen- und BĂŒrgerrechte). Gewaltenteilung und UnabhĂ€ngigkeit der Gerichte gehören ebenso zur verfassungsstaatlichen Demokratie wie eine wirksame Opposition als Alternative zur Regierung, Meinungs- und Organisationsvielfalt (Pluralismus) und vom Staat unabhĂ€ngige Organe der öffentlichen Meinung.
 
Zwischen den einzelnen Elementen der Demokratie herrscht oft ein SpannungsverhÀltnis. Einerseits gehört zur Demokratie das Mehrheitsprinzip, andererseits sucht sie durch Grundrechte, Minderheitenschutz, Gewaltenteilung, Rechts- und Sozialstaatlichkeit den Wirkungskreis und die Folgen von Mehrheitsentscheidungen einzuhegen. Zahlreiche Verfassungen suchen dies zusÀtzlich zu erreichen durch Machtaufteilung und -verschrÀnkung (Föderalismus), Differenzierung der VolkssouverÀnitÀt (Mehrkammersystem) und durch Einrichtung einer unabhÀngigen Verfassungsgerichtsbarkeit.
 
Die Demokratie nimmt verschiedene Formen an. Eine Form ist die direkte Demokratie, bei der das Volk (z. B. in Gestalt einer Volksversammlung) die Staatsgewalt unmittelbar (das heißt direkt) ausĂŒbt. Es entscheidet mit Volksabstimmungen (»Plebiszit«) ĂŒber alle politisch wichtigen Anliegen, einschließlich der Wahl und Abwahl wichtiger AmtstrĂ€ger in Staat und Gesellschaft.
 
Im Gegensatz zur direkten Demokratie wird die Herrschaft in der reprĂ€sentativen Demokratie mittelbar (das heißt indirekt) ĂŒber vom Volk gewĂ€hlte »Abgeordnete« ausgeĂŒbt. Diese sind »ReprĂ€sentanten« des Volkes und sollen fĂŒr dieses in eigener Verantwortung zeitlich befristet handeln, wobei ihr Auftrag sich in regelmĂ€ĂŸig stattfindenden Wahlen bewĂ€hren muss und erneuert werden kann.
 
Zu den wichtigsten Grundformen der reprĂ€sentativen Demokratie zĂ€hlen die »PrĂ€sidialdemokratie« und die »parlamentarische Demokratie«. In der PrĂ€sidialdemokratie besteht in der Regel eine strenge Gewaltenteilung besonders zwischen Exekutive (Regierungsgewalt) und Legislative (Gesetzgebungsgewalt). Die Funktionen des Staatsoberhauptes und des Regierungschefs sind im Amt des PrĂ€sidenten vereinigt. Der PrĂ€sident wird vom Volk gewĂ€hlt und besitzt so neben dem Parlament eine eigene Legitimation durch den SouverĂ€n. Im Gegensatz zur PrĂ€sidialdemokratie ist in der parlamentarischen Demokratie die Regierung bei ihrer AmtsfĂŒhrung vom Vertrauen des Parlaments abhĂ€ngig (Abberufbarkeit der Regierung). Das Amt des Staatsoberhauptes ist von dem des Regierungchefs getrennt. Dieser v. a. wird vom Parlament gewĂ€hlt und stĂŒtzt sich bei seiner RegierungstĂ€tigkeit auf die Mehrheit des Parlaments, das ihm bei der »Vertrauensfrage« das Vertrauen aussprechen oder entziehen kann. Ein Abgeordneter kann - im Gegensatz zum PrĂ€sidentialismus - zugleich AmtstrĂ€ger (z. B. Minister, MinisterprĂ€sident) sein.
 
Auch die Reichweite des Mehrheitsprinzips unterscheidet die Demokratien. Großbritannien z. B. ist der Inbegriff einer »Mehrheitsdemokratie«. In ihr ist das Mehrheitsprinzip das allerwichtigste Konfliktregelungsprinzip; nennenswerte institutionelle Sicherungen und GegenkrĂ€fte gegen die Mehrheitsherrschaft fehlen ihr. Von der Mehrheitsdemokratie ist die »Verhandlungsdemokratie« zu unterscheiden, die mitunter auch als »Konkordanz-«, »Konsensus-« oder »Proporzdemokratie« bezeichnet wird. Machtaufteilung, zahlreiche Vetopositionen und mannigfache wirksame Begrenzer der Mehrheitsherrschaft kennzeichnen die Verhandlungsdemokratie (z. B. Föderalismus, ausgebaute Selbstverwaltung, Verfassungsgerichtsbarkeit und autonome Zentralbanken). Somit wird in der Verhandlungsdemokratie die Mehrheitsregel von Konfliktregelungen ergĂ€nzt, die auf gĂŒtlichem Einvernehmen aller oder der meisten Beteiligten zielen oder zumindest hohe Zustimmungsschwellen vorsehen (z. B. Zweidrittelmehrheit).
 
Viele Verfassungen demokratischer Staaten sind eine Mischung verschiedener Demokratieformen. So stellen die Bundesverfassung der Schweiz von 1874 und die Verfassungen ihrer Kantone eine Verbindung direkter und indirekter Demokratie dar. In der Verfassung des Deutschen Reiches von 1919 (Weimarer Reichs-Verfassung) ergÀnzten plebiszitÀre und prÀsidentielle Elemente das reprÀsentative und parlamentarisch-demokratische Grundmuster. Die Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich durch eine Mischung aus Mehrheits- und Verhandlungsdemokratie aus, die v. a. aus dem Zusammenspiel von Parteienwettbewerb und Föderalismus erwÀchst. Politische Parteien spielen in allen Formen der reprÀsentativen Demokratie eine wesentliche Rolle (»parteienstaatliche Demokratie«).
 
Neben das VerstĂ€ndnis von Demokratie als einer Staatsverfassung treten heutzutage Demokratielehren, die nach möglichst breiter politischer Beteiligung möglichst vieler StaatsbĂŒrger in allen wichtigen Belangen des Gemeinwesens streben. Demokratie wird hier nicht allein als Erscheinungsform des Staates, sondern zugleich als Ausdruck des gesamten gesellschaftlichen Lebens gesehen. An die Stelle von »ReprĂ€sentation« tritt hier die Idee der allseitigen direkten Beteiligung jedes BĂŒrgers, des ungehinderten »herrschaftsfreien« Diskurses und der IdentitĂ€t von Regierenden und Regierten.
 
Auf der Basis einer fĂŒr alle BĂŒrger verbindlichen Weltanschauung und Definition des Staatszwecks sowie unter Berufung auf die Einheitlichkeit des Volkswillens betrachteten sich auch Diktaturen - besonders im 20. Jahrhundert - als Demokratien und traten im Gewande pseudodemokratischer Verfassungsmodelle auf. Das RĂ€tesystem sowjetischer PrĂ€gung war in Wirklichkeit ein - von der kommunistischen Staatspartei gelenktes - diktatorisches Regierungssystem, und das Blockparteiensystem der mitteleuropĂ€ischen sozialistischen LĂ€nder verdeckte nur notdĂŒrftig die Diktatur der jeweiligen Staatspartei in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.
 
Unter den demokratietheoretischen AnsĂ€tzen gibt es zwei Grundmuster: die normativen und die empirisch-deskriptiven Theorien. Erstere erörtern Werte und Normen und bewerten Ist- und SollzustĂ€nde der Demokratie, Letztere beschreiben und erklĂ€ren, wie Demokratie real funktioniert, welche Voraussetzungen sie hat, welche Formen sie annimmt und welche Ergebnisse sie zustande bringt. Innerhalb dieser Grundmuster gibt es verschiedene Richtungen. Der liberalen Demokratieauffassung z. B. geht es um die Konstituierung und Begrenzung politischer Herrschaft (meist im Rahmen des ReprĂ€sentativsystems) sowie um die (dem Volk) verantwortliche Regierung. Die pluralistische Demokratietheorie geht von der Auffassung aus, dass sich die gesellschaftlichen Interessen und Meinungen in der Demokratie widerspiegeln sollen. In einem Prozess des Mit- und Gegeneinander, durch ein System von KrĂ€ften und GegenkrĂ€ften (»checks and balances«) vollziehe sich der Willensbildungsprozess auf einer mittleren Linie. Die elitĂ€re Demokratietheorie spricht die Erfahrung aus, dass auch unter den Voraussetzungen demokratischer Mehrheitsherrschaft die politischen Entscheidungen von Eliten gefĂ€llt werden. Die partizipatorische Demokratietheorie stellt der RealitĂ€t des gesellschaftlichen Geschehens strenge normative Forderungen entgegen. Die AnhĂ€nger dieser Theorie kommen zu zwei sehr unterschiedlichen Folgerungen: zur Forderung nach allseitiger Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Willensbildungsprozess und - so v. a. zum Anarchismus neigende Denker - zur Forderung nach Maximierung allgemeiner Herrschaftsfreiheit. Von hier aus bestehen fließende ÜbergĂ€nge zu heilsgeschichtlichen Deutungen der Demokratie, die die Demokratie erst mit der Schaffung eines sozial geeinten Volkes als Basis der Volksherrschaft auf dem rechten Weg sehen. In dieser Lehre ist die Demokratie lediglich ein Bestandteil einer umfassenden Gesellschaftstheorie mit eschatologischer Blickrichtung. Zu den Prinzipien der verfassungsstaatlichen Demokratien hingegen gehört die Überzeugung, dass Demokratie stets erneuerungsbedĂŒrftige politische Übereinstimmung ist, gerade wegen der fortbestehenden weltanschaulichen und sozialen Verschiedenheit. Diese Sichtweise kennt nicht die verbindliche Vorgabe des Staatszwecks - der Zweck des Gemeinwesens muss immer neu definiert werden.
 
In den gegenwĂ€rtigen Diskussionen werden neben den VorzĂŒgen auch die UnzulĂ€nglichkeiten der Massendemokratie hervorgehoben. Bereits die Belebung basisdemokratischer Ideen verdeutlichte, dass das Mitwirkungs- und SelbstverwirklichungsbedĂŒrfnis in den modernen Demokratien trotz verschiedener neuer Elemente (BĂŒrgerinitiativen usw.) meist keine ausreichenden Möglichkeiten findet. Zudem wird der demokratisch entscheidbare Spielraum mitunter verengt, z. B. durch hohe AbhĂ€ngigkeit von weltwirtschaftlichen Prozessen (»Globalisierung«) und durch Abgabe von Kompetenzen an transnationale Organisationen wie die EuropĂ€ische Union, die allerdings ein betrĂ€chtliches Demokratiedefizit aufweist. HĂ€ufig bemĂ€ngelt wird, dass das Problemlösungsvermögen einer Demokratie in charakteristischer Weise beschrĂ€nkt ist: Zum einen kollidieren lĂ€ngerfristige Ziele mit den vergleichsweise kurzen Wahlperioden. Auch ist nicht immer eine einsichtige und als verbindlich empfundene Vorstellung des Gemeinwohls als Basis politischer Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse auszumachen. Zum anderen ist nicht selten ein Mangel an Kompetenz der Abstimmungsberechtigten zu beklagen; auch folgt die Stimmenabgabe oftmals nicht rationalen Kriterien. Ferner sind mitunter die Abstimmungsprozeduren selbst nicht unumstritten. Sodann können schon geringe Änderungen der Abstimmungsprozedur große Wirkungen entfalten, insbesondere ĂŒber Sieg oder Niederlage entscheiden. Probleme ergeben sich fĂŒr die moderne Demokratie außerdem durch die Macht und den Einfluss von demokratisch nicht oder kaum legitimierten Organisationen, z. B. VerbĂ€nde, die schlagkrĂ€ftige Sonderinteressen vertreten. Zu den potenziellen Herausforderungen fĂŒr die Demokratie, die wegen ihrer StĂ€rken ungeachtet aller Schwachpunkte v. a. in westlichen LĂ€ndern als die beste Staatsform gilt, sind ferner verschiedene Spielarten des Extremismus, insbesondere ihre Formierung zu Anti-System-Parteien, zu zĂ€hlen.
 
Geschichtliches:
 
Die Demokratie galt v. a. in Antike und Mittelalter, aber auch in der beginnenden Neuzeit als eine instabile Regierungsform. Staatsdenker wie Platon, Aristoteles, Cicero oder Seneca der JĂŒngere standen der Demokratie kritisch gegenĂŒber. Aristoteles (»Politica«) und Cicero (»De re publica«) befĂŒrworteten Staatsverfassungen aus aristokratischen und demokratischen Elementen. FĂŒr etwa zwei Jahrtausende kreiste die Verfassungslehre um den Gedanken, dass eine »gemischte Verfassung«, die einige demokratische Bestandteile enthielte, die beste sei. In der Neuzeit bekannten sich zunĂ€chst nur wenige Staatsdenker wie der britische Schriftsteller W. Godwin dazu, dass die »Turbulenz und Fluktuation« in der Demokratie besser sei als die ImmobilitĂ€t der anderen Staatsformen. J.-J. Rousseau, der bedeutende Theoretiker der VolkssouverĂ€nitĂ€t, trat in seinem Werk »Du contrat social« (1762) fĂŒr eine weitgehende IdentitĂ€t von Regierenden und Regierten als einzig wahre Form der Demokratie ein; zwischengeschaltete Instanzen, die im Auftrag des Volkes die Regierung kontrollieren, beeintrĂ€chtigten die VolkssouverĂ€nitĂ€t. In seinem »Contrat social« und seiner Schrift »Le projet pour la Corse« (1765) ließ Rousseau jedoch erkennen, dass er die Verwirklichung der reinen Demokratie in seiner Zeit noch nicht fĂŒr möglich hielt. Mit der Verfassung von 1787 erhielten die USA, mit der Verfassung von 1791 Frankreich (in der ersten Phase der »Großen Revolution«) eine demokratische Ordnung nach dem ReprĂ€sentativmuster. In der Zeit der Französischen Revolution (1789-99) tauchten die Begriffe »Demokratie« und »Demokraten« immer hĂ€ufiger im positiven Wortgebrauch auf. Sie erhielten einen sozialen Unterton. AnhĂ€nger der Französischen Revolution nannten sich »Demokraten« oder wurden von ihren politischen Gegnern so genannt. Von den Jakobinern wurde der Begriff Demokratie auf die Republik ĂŒbertragen. Mit ihrer Herrschaftsform entwickelten diese aus dem Gedanken der Demokratie autoritĂ€re Herrschaftsformen, indem sie den Gedanken der reinen Demokratie gewaltsam mit der Forderung nach HomogenitĂ€t der Nation und einheitlichem Staatszweck verbanden. In seiner Rede ĂŒber die Republik vom 5. 2. 1794 charakterisierte M. de Robespierre die Merkmale der demokratischen Republik: Moral statt (aristokratisch-stĂ€ndischem) Egoismus, Freiheit statt Sklaverei, Gleichheit statt stĂ€ndischer Privilegien. F. N. Babeufs Geheimbund »Verschwörung der Gleichen« (1796) verwarf die herrschenden Strömungen der Revolution als »undemokratisch« und hielt ihnen das Bild einer egalitĂ€ren (das heißt auf umfassende Gleichwertigkeit der BĂŒrger zielenden) Demokratie entgegen. Der Versuch der Revolution, in Frankreich die Demokratie zu realisieren, war fĂŒr die Entwicklung der Demokratie in Europa ideengeschichtlich bedeutsam. Das Scheitern des meist als radikaldemokratisch aufgefassten republikanischen Experiments in Frankreich fĂŒhrte zunĂ€chst - in der Zeit Napoleons I. (1799/1804-1814/15) und der »Restauration« (1815-30) - zu einer sehr skeptischen Beurteilung der Demokratie. Mit der Wahlrechtsreform von 1832 (Reform Bill) entwickelte Großbritannien jedoch das ReprĂ€sentativsystem, das sich seit dem Mittelalter schrittweise herausgebildet hatte, im demokratischen Sinne weiter. In den angelsĂ€chsischen Staaten sowie mit Unterbrechungen in Frankreich setzten sich die demokratischen Tendenzen im Rahmen reprĂ€sentativer Verfassungen fort, wĂ€hrend z. B. in Preußen und Österreich bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts stĂ€ndische Auffassungen wirksam blieben. Kritische Betrachter der Entwicklung demokratischer Verfassungsstrukturen fassten die Demokratie nicht mehr allein als Staatsform auf, sondern als Ausdruck eines tief greifenden sozialen Prozesses, der alle Bereiche der Gesellschaft verĂ€ndere, so A. de Tocqueville in seiner Schrift »De la dĂ©mocratie en AmĂ©rique« (1835-40, 2 BĂ€nde). Erst nach dem Ersten Weltkrieg (1914-18) setzte sich das demokratische Element auf breiter Front im Rahmen reprĂ€sentativ-parlamentarischer Systeme durch. Versuche, auf dem Wege einer »RĂ€teherrschaft« eine Form direkter Demokratie zu schaffen, scheiterten (Ungarn sowie Bayern, 1919) oder mĂŒndeten schnell in diktatorische Regierungssysteme (Sowjetrussland beziehungsweise Sowjetunion, 1917/18-22). Unter dem Eindruck sozialer und politischer Konflikte sahen sich jedoch bald demokratische Systeme von diktatorischen und totalitĂ€ren Systemen verdrĂ€ngt (besonders in Deutschland 1933, Italien 1922 und Spanien 1936/39, aber auch in Portugal, Ungarn, Polen und mehreren Balkanstaaten). Nach 1945 entstanden neben parlamentarisch-demokratischen Regierungssystemen (z. B. in Italien, Österreich, der Bundesrepublik Deutschland und Japan) im Verlauf der »Sowjetisierung« von Teilen Mittel- und Osteuropas (z. B. DDR, Polen, Tschechoslowakei) kommunistische Einparteiensysteme im Gewande »volksdemokratischer« Verfassungsmodelle. Im Zuge der Entkolonialisierung entließen v. a. Großbritannien und Frankreich die meisten ihrer Kolonien bis zu Beginn der 60er-Jahre als Demokratien in die UnabhĂ€ngigkeit,. Doch nur wenige dieser Staaten wurden fest verankerte (»etablierte«) Demokratien (z. B. Indien). Viele verharrten im Zustand einer »fragilen« oder einer »defekten« Demokratie oder formten sich zu autoritĂ€ren Staatsgebilden um.
 
Im Gefolge einer weltweiten Protestbewegung setzte in den 60er-Jahren v. a. in den parlamentarischen Demokratien Europas und Nordamerikas eine Welle radikaldemokratischer Bestrebungen ein, die besonders die Demokratisierung der gesellschaftlichen Bereiche unterhalb der staatlichen Ebene forderten. Besonders die Studentenbewegung der 60er-Jahre und der ihr zugrunde liegende Wertewandel begĂŒnstigten den Aufstieg der »neuen sozialen Bewegungen« in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts und ihre Hinwendung zu basisdemokratischen Ideen.
 
Zu einer neuerlichen Demokratisierungswelle mit mehr oder weniger tief gehender Öffnung diktatorischer Herrschaftssysteme kam es im Anschluss an lĂ€ngere Transformationsprozesse seit Mitte der 70er-Jahre zunĂ€chst v. a. in Lateinamerika, spĂ€ter auch in Asien sowie Afrika. In Ost- und Mitteleuropa entwuchsen den nach 1975 (Helsinki) verstĂ€rkt entstehenden und zunĂ€chst gesellschaftlich marginalisierten BĂŒrgerbewegungen im SpĂ€tsommer und Herbst 1989 massenhafte Demokratiebewegungen, die maßgeblich den politischen Umbruch 1989-92 herbeifĂŒhrten. Diese Öffnungs- und Transformationsprozesse dauern zum Teil noch an. Es bleibt zunĂ€chst offen, ob die Abkehr von diktatorischer Herrschaft angesichts wirtschaftlicher und sozialer Probleme von Dauer sein wird.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Abgeordneter · Gewaltenteilung · Konsens · Mehrheit · Minderheit · öffentliche Meinung · Opposition · Rechtsstaat · Toleranz · VolkssouverÀnitÀt · Wahlrecht
 
 
H. Kelsen: Vom Wesen u. Wert der D. (21929, Nachdr. 1981);
 J. L. Talmon: Die Gesch. der totalitÀren D., 2 Bde. (a. d. Engl., 1961-63);
 C. J. Friedrich: D. als Herrschafts- u. Lebensform (21966);
 G. Lehmbruch: Proporz-D. (1967);
 R. Dahrendorf: Gesellschaft u. D. in Dtl. (51977);
 K. L. Shell: Liberal-demokrat. Systeme (1981);
 
An den Grenzen der Mehrheits-D., hg. v. B. Guggenberger u. C. Offe (1984);
 M. Weber: Ges. polit. Schrr., hg. v. J. Winckelmann (51988);
 E. Fraenkel: Dtl. u. die westl. Demokratien (Neuausg. 21991);
 J. A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus u. D. (a. d. Engl., Neuausg. 71993);
 A. Hamilton, J. Madison u. J. Jay: Die Federalist Papers (a. d. Engl., Neuausg. 1993);
 P. Graf Kielmansegg: VolkssouverÀnitÀt (21994);
 
Referendums around the world, hg. v. D. Butler u. S. Ranney (Washington, D. C., 1994);
 A. de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika (a. d. Frz., Nachdr. 1994);
 
The encyclopedia of democracy, hg. v. S. M. Lipset, 4 Bde. (London 1995);
 Aristoteles: Politik, ĂŒbers. u. hg. v. O. Gigon (71996);
 G. Sartori: D.-Theorie (a. d. Engl., Neuausg. 1997);
 A. Lijphart: Patterns of democracy (New Haven, Conn., 1999);
 R. A. Dahl: On democracy (New Haven, Conn., u. a., Nachdr. 2000);
 Manfred G. Schmidt: D.-Theorien (32000).
 

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De|mo|kra|tie, die; -, -n [frz. dĂ©mocratie < (m)lat. democratia < griech. dēmokratĂ­a = Volksherrschaft, aus: dáșœmos = Volk; Gebiet, eigtl. = Abteilung (zu: daĂ­esthai = [ver]teilen) u. krĂĄtos „Kraft, Macht“ (zu: krateÄ©n = herrschen)]: 1. <o. Pl.> a) politisches Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der MachtausĂŒbung im Staat teilhat: zu den Prinzipien der D. gehört die freie MeinungsĂ€ußerung; In der D. entscheidet die Mehrheit, was gemacht wird (Heringer, Holzfeuer 210); Die D. unterstellt nicht die Gleichheit der Menschen, sondern sie ignoriert ihre Ungleichheit (Woche 14. 11. 97, 41); b) Regierungssystem, in dem die vom Volk gewĂ€hlten Vertreter die Herrschaft ausĂŒben: eine parlamentarische D. 2. Staat mit demokratischer Verfassung, demokratisch regiertes Staatswesen: in einer D. leben; Der frĂŒhzeitige Verzicht auf Gewalt und Revanchismus erleichtere heute die Zusammenarbeit mit den jungen -n in Osteuropa (DarmstĂ€dter Echo 28. 10. 98, o. S.). 3. <o. Pl.> Prinzip der freien u. gleichberechtigten Willensbildung u. Mitbestimmung in gesellschaftlichen Gruppen: innerparteiliche D.; D. am Arbeitsplatz; Wir sollten nicht ĂŒber zu viel D. klagen. Im Gegenteil: Wir sollten streng darĂŒber wachen, dass nicht zu wenig D. geĂŒbt wird (Dönhoff, Ära 44); Eine kulturelle Sparpolitik bedeutet ... Einebnung der zaghaft keimenden kulturellen D. (Orchester 438).

Universal-Lexikon. 2012.

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   Deutsch Wikipedia

  • Demokratie — Sf Herrschaft der Mehrheit std. (16. Jh.) Entlehnung. Entlehnt aus l. dēmocratia, dieses aus gr. dēmokratĂ­a, zu gr. dáșœmos m. Volk und gr. krateÄ©n herrschen . Diese (noch gar nicht existierende) Herrschaftsform wird von den griechischen Denkern… 
   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Demokratie — »Regierungsform, bei der die Regierung den politischen Willen des Volkes reprĂ€sentiert«: Das Wort wurde Anfang des 16. Jh.s aus mlat. democratia entlehnt, das auf griech. dēmokratĂ­a »Volksherrschaft« zurĂŒckgeht. Das griech. Wort ist gebildet aus 
   Das Herkunftswörterbuch

  • Demokratie — [Aufbauwortschatz (Rating 1500 3200)] Bsp.: ‱ Es gibt keine Demokratie ohne freie Wahlen 
   Deutsch Wörterbuch

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   Pierer's Universal-Lexikon

  • DemokratÄ«e — (griech., »Volksherrschaft«) bezeichnet sowohl eine Staatsform als eine politische Partei und Parteirichtung, wie denn auch die AusdrĂŒcke Demokrat (Angehöriger der D.) und demokratisch (auf die D. bezĂŒglich) in dieser zweifachen Bedeutung… 
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   Kleines Konversations-Lexikon

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   Damen Conversations Lexikon

  • Demokratie — Demokratie, griech., diejenige Staatsform, wo die höchste Gewalt von allen StaatsbĂŒrgern, ohne RĂŒcksicht auf Vermögen, Rang, Amt und Bildung, ausgeĂŒbt wird. Die D. findet ihre Verwirklichung in Volksversammlungen, welche die StaatsĂ€mter durch… 
   Herders Conversations-Lexikon

  • Demokratie — So, wie die Freiheit eine Voraussetzung fĂŒr die Demokratie ist, so schafft mehr Demokratie erst den Raum, in dem Freiheit praktiziert werden kann. «Willy Brandt, Briefe» Die Demokratie ist keine Frage der ZweckmĂ€ĂŸigkeit, sondern der Sittlichkeit 
   Zitate - Herkunft und Themen


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